Allgemein

Buchkritik: Roppongi Ripper

18. Juni 2015
Roppongi Ripper teaser

Letztes Jahr berichtete ich von Andreas Neuenkirchens Debütroman „Yoyogi Park“. Nun ist Inspector Yuka Sato mit einem neuen Fall zurück, der sie und ihr Team kräftig in Schach hält. Ein Unbekannter begeht eine Reihe von Morden an Hostessen im tokioter Stadtteil Roppongi und wird daher Roppongi Ripper genannt. Die blutige Spur des Rippers führt Yuka Sato und ihren Kollegen Inspector Shun Nakashima ganz tief in die Unterwelt der käuflichen Liebe. Trotzdem scheint da mehr dahinter zu stecken. Warum führt eine Spur nach Saitama, was hat Shun Nakashima damit zu tun und warum ist Satos Freundin Sam nun auch im Visier des Mörders? All das und noch viel mehr ist Inhalt des spannenden Romans von Neuenkirchen.

Roppongi Ripper 300DPI RGB

Anders als das erste Buch wirkt „Roppongi Ripper“ viel mehr wie die Einleitung in eine viel größere und ausufernde Geschichte. Einige Personen und einige Situationen werden zwar aufgegriffen, jedoch nicht vollkommen aufgelöst, sodass ein kleines Mysterium zurückbleibt. Die Charaktere sind genauso lustig und dynamisch wie im ersten Buch und es macht Spaß, über Yuka Satos Leben und ihre Arbeit zu erfahren, da sie ein absolut sympathischer Charakter ist. Kleine Witze, coole Sprüche und eine ganze Menge Japan sind das, was Roppongi Ripper zu einem tollen Roman machen. Einzig das Ende fand ich etwas unspektakulär, besonders im Vergleich zum ersten Teil. Nichtsdestotrotz ist „Roppongi Ripper“ zu empfehlen. Jeder, der sich für Japan begeistern kann und gerne Krimis liest, sollte sich dieses Buch zulegen!

Danke noch einmal an den Conbook Verlag für die Möglichkeit, den Roman zu lesen und Herrn Neuenkirchen ein paar Fragen zu stellen:

Woher stammt Ihre Inspiration beim Schreiben? Wissen Sie schon von Anfang an, wie die Geschichte ausgehen wird, oder kommt das beim Prozess des Schreibens?

Die meisten Schriftsteller hassen ja die Frage nach der Inspiration, was meiner Meinung nicht die Schuld der Frage ist, sondern mit dem Schuldbewusstsein der Befragten zu tun hat. Ich glaube, es gibt für jede Geschichte wirklich einen ganz konkreten, greifbaren und erzählbaren Moment, der sie inspiriert hat. Leider vergisst man den aber, je länger man an der Geschichte arbeitet, und deshalb reagiert man defensiv bis aggressiv, wenn man danach gefragt wird. Ich weiß noch, dass ein Zeitungsartikel über Internet-Foren, die vermeintlich zur Unterstützung obdachloser Jugendlicher eingerichtet waren, tatsächlich jedoch zur Rekrutierung von Prostituierten genutzt wurden, eine Inspirationsquelle für ‚Yoyogi Park‘ war. Aber hat dieser Artikel den Aha-Moment für den ganzen Roman ausgelöst? Das weiß ich wirklich nicht mehr. Obwohl ich weiß, dass es so einem Moment gab: der Anfang und das Ende waren plötzlich da. Bei ‚Roppongi Ripper‘ weiß ich nur noch, dass ich kurz vor dem Aha-Moment viel über Rache nachgedacht hatte. Nicht aus finsteren persönlichen Motiven, sondern weil das gerade so ein Modethema war, vor allem in Film und Fernsehen von Hollywood bis Korea, aber auch in Comics und anderer Literatur. Mich hatte gewundert, dass das von der Öffentlichkeit einfach so hingenommen wurde, nicht kontroverser diskutiert als ‚Die Schlümpfe 2‘, vielleicht sogar weniger. Bei ähnlichen Wellen in den 70ern und 80ern waren Pädagogen und andere Bedenkenträger ganz aus dem Häuschen, bisweilen wurde vor Kinos demonstriert. Möglicherweise waren da einige Reaktionen ein wenig überzogen, aber das völlige Ausbleiben jeder Art von Debatte zu den letzten Rache-Thriller-Wellen fand ich sehr befremdlich. Jedenfalls war plötzlich ein Racheplot für ‚Roppongi Ripper‘ da. Hoffentlich einer, der moralisch und psychologisch etwas differenzierter ausfällt als der übliche moderne Racheplot.

Generell ist es so: wenn bei einer Idee nicht automatisch das Ende gleich dabei ist, dann kommt auch später keines mehr, da kann ich mich noch so verbiegen. Anfang und Ende sind leicht. Was dazwischen liegt, ist Arbeit. Bei dieser Arbeit kann sich allerdings durchaus noch mal alles ändern, auch das Ende und der Anfang, die ich eigentlich für in Stein gemeißelt hielt. Irgendein Ziel muss ich aber erst mal vor Augen haben.

Wie wichtig ist es für Sie, während des Schreibprozesses in Tokio zu sein? Besuchen Sie die vorkommenden Orte oder beschreiben Sie sie aus Ihrem Gedächtnis?

Notfalls würde ich die Sato-Romane auch komplett in München schreiben, idealerweise bin ich aber zumindest für einen Teil des Schreibprozesses vor Ort in Tokio. Zum Glück ließ sich das bisher auch immer bewerkstelligen. Ich versuche, jeden der vorkommenden Orte noch mal zu besuchen, bevor ich darüber schreibe, oder um das Geschriebene noch mal zu überprüfen. Das ist allerdings schon zeitlich nicht immer möglich. Deshalb bestehe ich darauf, dass mir beim Beschreiben die seelische Wahrheit eines Ortes wichtiger ist als die geografische. Man muss außerdem vorsichtig mit allzu aktuellen Beobachtungen sein. Die Romane spielen schließlich im Jahr 2011, und Tokio verändert sich recht schnell.

Ein großer Vorteil der Recherche vor Ort ist es, dass man dabei fast zwangsläufig Dinge findet, nach denen man gar nicht gesucht hat. Zum Beispiel bin ich bei meiner Recherche in Roppongi nur ins Chinese Café 8 gegangen, weil ich Hunger hatte. Das Lokal kannte ich vom Hörensagen, als Handlungsort für ‚Roppongi Ripper‘ war es nicht vorgesehen. Als ich dann aber drinnen war und die sehr eigenwillige Inneneinrichtung gesehen hatte, war mir sofort klar, dass das genau die Art von Ort ist, an die es Yukas Freundin Sam öfter mal verschlägt. Also habe ich es eingebaut. Ich habe noch im Restaurant handschriftlich angefangen, das entsprechende Kapitel zu skizzieren.

Yuka Sato ist eine sehr sympathische und spannende Person, wird es noch weitere Fälle mit ihr geben?

Meinerseits sind vier Bände geplant, für jede Jahreszeit einer. Den dritten schreibe ich gerade, er ist für den Herbst 2016 vorgesehen. Der vierte Roman wird dramatische Konsequenzen für Yuka Sato haben. Ob es danach überhaupt weitergehen kann, kann ich noch nicht verraten, fürchte ich.

No Comments

Leave a Reply

*