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Buchkritik: Unterwerfung

4. Februar 2015
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Wie jedes Werk von Michel Houellebecq wurde auch das Buch „Unterwerfung“ schon vor der Veröffentlichung heiß diskutiert. Es zeigt die Möglichkeit einer Machtergreifung Frankreichs durch eine muslimische Regierung und die daraus resultierenden sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen des Landes. Eine Dystopie, beziehungsweise eine Utopie – je nach dem, wen man fragt. Dieses literarische Gedankenexperiment war der Grund, weswegen Houellebecq schon vorher scharf angegriffen wurde. Rassismus nannten die einen es; Islamophobie, die anderen. Erschienen ist dieser Roman schließlich am 7.1.2015 – genau an dem Tag des Attentats auf Charlie Hebdo durch fanatische Islamisten, die sich durch die freiheitlichen und satirischen Kräften der Fünften Republik so verletzt sahen, dass sie zu Mördern wurden. Verschwörungstheoretiker, Pseudo-Gutmenschen und auch sonstige Spinner sahen zwischen den beiden Ereignissen einen Zusammenhang, ja witterten gar einen ausgeklügelten Plan. Doch auch mit Aluhut sollte jedem klar sein, dass eine solche Annahme nicht nur geschmacklos, sondern auch im tiefsten Maße respektlos den Opfern dieser kaltblütigen Morde gegenüber ist.

Andere wiederum sahen die Geschehnisse in Paris als Zeichen dafür, dass Houellebecqs Buch „aktueller denn je“ sei. Da ich niemals eine vorgefertigte Meinung unhinterfragt annehme und mir selbst ein Bild von dem Buch machen wollte, habe ich es mir schließlich gekauft, obwohl ich von Houellebecqs Literatur eigentlich sonst nicht so viel halte. Jedoch glaube ich, dass „Unterwerfung“ eines der wichtigsten literarischen Werke 2015 werden könnte. Außerdem mag ich alles Kontroverse und jede Kunstform, die die Grenzen des Machbaren und des guten Geschmacks überschreitet.

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„Unterwerfung“ handelt wie jedes Werk Houellebecqs von einer gescheiterten, chauvinistischen männlichen Figur mittleren Alters, die sexuelle Frustration, geringes Selbstwertgefühl sowie gescheiterte Beziehungen mit Frauen dazu veranlasst, das andere Geschlecht in jeder Hinsicht zu degradieren. So ist es auch mit François, Protagonist und Ich-Erzähler des Romans. François ist mittleren Alters und seit einiger Zeit Professor an der Sorbonne in Paris. Er promovierte über Huysmanns und hat sein ganzes erwachsenes Leben an der Universität verbracht – zuerst als Student und jetzt als Lehrkraft. Seine Beziehung zu seinen Eltern ist mehr als miserabel, er lebt allein und seit seiner Jugend bestehen seine Beziehungen aus kurzen Intermezzi mit Studentinnen. Daran hat sich auch nichts geändert, als er Professor wurde. Sexuelles Interesse an gleichaltrigen Frauen hat er nicht, aus Bindungsangst und sonstigen chauvinistischen Motiven heraus bevorzugt er 20-Jährige Frauen. Die Machtergreifung durch die muslimische Partei spielt im Roman nur eine untergeordnete Rolle. Ebenso die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Frankreich zwischen Muslimen und französischen Rechten. Im Zentrum stehen François und sein selbstzerstörerischer Selbsthass. Einzig Myriam, eine jüdische Französin und ehemalige Studentin, scheint seinem Leben etwas Gradlinigkeit zu verleiten. Als sie, wie viele französische Juden, mit dem Regierungswechsel das Land in Scharen gen Israel verlassen, verliert François jeglichen Halt. Er trinkt immer mehr Alkohol und besucht des Öfteren Prostituierte.

Der politische Machtwechsel bringt jedoch einige Veränderungen mit sich. Frauen tragen in der Öffentlichkeit nun einen Schleier, werden aus dem Arbeitsleben verbannt und in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau reinstuiert. Die Familie wird gestärkt, die Bildung gekürzt und handwerkliche Berufe und Tätigkeiten gefördert. Dadurch sinkt die Kriminalitätsrate und die Beschäftigung steigt. Die Mehrehe nach den Richtlinien der Scharia wird erlaubt und auch sonst wird Frankreich in einen großen, chauvinistischen und patriarchalen Machtapparat verwandelt. Auch die Sorbonne wird von saudischen Prinzen aufgekauft und in eine muslimische Bildungseinrichtung umgewandelt. Das bedeutet, dass Frauen dort nun nicht mehr unterrichten dürfen, einige Lehrpläne, die nicht mit dem Islam konform sind, gestrichen und männliche Professoren, die nicht zum Islam konvertieren wollen, entlassen werden. Letzteres betrifft auch François, der mit einer mehr als großzügigen Rente in den verfrühten Ruhestand entlassen wird. Dies stürzt in jedoch in eine Identitätskrise, da er, nun vollkommen allein und ohne jeglichen sozialen Kontakte, an die Grenzen seiner intellektuellen Fähigkeiten stößt. Erst, als er durch ein anderes Angebot an der Universität in die elitären Kreise der Universität zurückkehrt, schöpft er neuen Lebensmut. Von seinen zum Islam konvertierten Kollegen inspiriert, findet auch er immer mehr Interesse an der Religion. Das Buch endet damit, dass auch François die Lehren des Islams annimmt und so ein neuer Teil der Gesellschaft wird.

Interessanterweise ist „Unterwerfung“ ein neuer Versuch Houellebecqs, den entmannten und sexuell abgehängten europäischen Mann mit Hilfe von weiblicher Unterdrückung zu den Allmachtsfantasieen zurück zu bringen, die ihn von seinen Selbstzweifeln befreien. Der Islam ist in diesem Gebilde nur ein Mittel zum Zweck, eine Ausrede und allmächtige Legitimation für die Erstarkung des Patriachats. Die wenigen Frauen, die in dem Roman vorkommen, sind entweder Prostituierte, willige Studentinnen oder verschleierte 15-Jährige Zweit- und Drittfrauen von François‘ Kollegen. Die Genüsslichkeit der weiblichen Unterdrückung ist auf jeder Seite des Buches zu spüren. Die Bewunderung François‘ für die sexuelle und intellektuelle Unterwerfung der Frau unter dem Mann ist es, was ihn am Islam fasziniert. Aus diesem Grund liest er nur das Kapitel „Polygamie im Islam“, als sein Kollege ihm ein Buch über diese Religion leiht. Die männliche Unfähigkeit, die so gut wie alle von Houellebecqs Protagonisten umgibt, findet hier eine Erlösung, eine Salbung. Aus diesem Grund ist „Unterwerfung“ ein so spannender Roman. Nicht nur aus feministischer Sicht, sondern auch aus sozio-kultureller sowie politischer Sicht. Der Zerfall des europäischen Patriarchats hat das männliche Ego so sehr verstört, dass es nur durch eine allumfassende Unterdrückung und Unterwerfung der Frau zur sexuellen Macht zurückkehren kann. Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ist ein eindrucksvolles Gedankenexperiment, welches viele Themen und Probleme unserer Zeit anspricht und dabei andeutet, dass das Patriarchat nur durch ein künstliches, totalitäres System wieder zum Leben erweckt werden kann.

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