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Reich mir mal den Rettich rüber

16. Juni 2013

Auch wenn bei mir gerade alles ziemlich rund läuft und ich mich nicht beschweren kann, sehe ich, wie es Freunden von mir im Moment ziemlich schlecht geht. Sei es auf Grund von Todesfällen, oder aus der Erkenntnis, dass auch nach acht Jahren die Zeit nicht alle Wunden heilen kann, das Leben zeigt sich in diesem Monat für einige in meinem Freundes- und Bekanntenkreis von seiner Schattenseite. Im Jahr 2008 war ich fest davon überzeugt, dass der Tod in regelmäßigen Abständen auf die Erde kommt und sich wie ein Mantel voll Schmerz und Verderben auf Städte und Orte niederlegt. Ist er erst einmal da, kann sich all das Übel der Welt auf einmal entladen – wie bei einem Staudammbruch, bei dem das aufgestaute Wasser in tosenden Mengen in alle Richtungen strömt. Dieses Ventil platzt bei jedem an einer anderen Stelle und zu einer anderen Zeit. Ob man das Karma, göttliche Fügung oder Schicksal nennt, ist in diesem Moment egal. Fakt ist, dass früher oder später jeder einen Staudammbruch erlebt. Und vielleicht ist auch genau das der Sinn des Lebens: nach den überwältigend scheinenden Wasserfluten, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen das Ufer wieder zu erreichen, sich trockene Sachen anzuziehen und weiterzugehen. Und ob diese Reise allein oder mit anderen bestritten wird, muss jeder für sich entscheiden. Der größte und schwerste Schritt ist dabei wohl, sich ans Ufer zu kämpfen und nach all der Anstrengung sich mit alleinigen Kräften aus dem Wasser zu ziehen. Viele Menschen ertrinken bei dem Versuch oder haben sich schon vorher auf Grund nachgelassener Kräfte mit den Wassermassen mitreißen lassen.

Woran man merkt, dass es uns in Deutschland noch zu gut geht, ist, dass man an der Humboldt Universität Gender Studies im Bachelor und Master studieren kann. Gender Studies! 783 Millionen Menschen auf diesem Planeten haben keinen Zugang zu Trinkwasser und unsere Steuergelder finanzieren Diskussionen über genderneutrale Sprache im Kindergarten und die Ersetzung der Worte „Mutter“ und „Vater“ in das geschlechterneutrale „Elter“. Ein Elter, zwei Eltern. Dein Elter wird dich heute um 14 Uhr abholen, Tommy. Fast zwei Drittel der 796 Millionen erwachsenen Analphabeten sind Frauen und wir echauffieren uns über die generalistische Anrede „Professorin“ an der Uni in Leipzig.

Bis zur Weltrettung ist noch ein weiter Weg, voller Dürren und Überschwemmungen. Bis dahin werde ich einfach weiterhin hier sitzen und für alle ein offenes Ohr haben, die eines brauchen. Ein offenes Ohr und zwei linke Hände, damit kann ich gleichzeitig Zuhören und dabei Ikea-Möbel falsch herum aufbauen. Irgendwann lachen wir alle über diese Zeit. Wir klopfen uns auf die Schenkel und sagen: „weißt du noch, damals… als wir noch jung waren“. Und dann prosten wir uns über unseren ganz persönlichen Staudämmen zu.

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