Film

Film Review: „Mama“ (SPOILER)

10. Mai 2013

BildDer Film „Mama“ (2013), mag zwar unter der Regie des unbekannten argentinischen Regisseurs und Drehbuchautors Andres Muschietti entstanden sein, produziert wurde er jedoch von Star-Regisseur Guillermo Del Toro. Und wenn ein Del Toro, der für phantastische Meisterwerke wie „Pan’s Labyrinth“ bekannt wurde, dem unbekannten Muschietti 15 Millionen US-Dollar für eine abendfüllende Version des kontroversen Kurzfilms „Mama“ anbietet, dann erwartet man als Zuschauer natürlich ein ähnlich bombastisches Spektakel auf hohem Niveau – besonders, weil Del Toro und seine Filme immer wieder in Zusammenhang mit diesem Film gebracht werden, sei es auf Filmplakaten, im Trailer oder in Pressemitteilungen.

Der Film beginnt zuerst vielversprechend. Ohne Einleitung oder Vorgeschichte wird der Zuschauer in einen Mord geworfen. Familienvater Jeffrey tötet seine Frau, flieht mit seinen zwei kleinen Töchtern Victoria und Lily und landet nach einem Autounfall in einer verlassenen Hütte im Wald. Doch als er auch die Kinder erschießen will, wird er von einer körperlosen Macht aus dem Haus gerissen und getötet. Die beiden Kleinkinder bleiben allein zurück, eingekuschelt in einem Kegel aus Licht, welches von einem Kaminfeuer auf sie strahlt. Als aus dem Dunklen eine einzelne Kirsche auf die beiden kleinen zurollt wird klar – wer oder was auch immer in dieser Waldhütte haust, es beschützt die Kinder.

5 Jahre später, Jeffreys Bruder Lucas hat die Suche nach seinen Nichten niemals aufgegeben, finden zwei Männer durch Zufall das Auto und die Hütte im Wald. Die beiden Mädchen, jetzt 5 und 9 Jahre, sind schmuddelige, verängstigte, unterernährte Wesen, die sich auf allen Vieren fortbewegen und die Eindringlinge in animalischer Selbstverteidigung anfallen. Trotzdem werden sie gefangen und in ein Krankenhaus gebracht. Die Geschichte um die verlassenen Mädchen ist eindrucksvoll. Immer wieder hört man von Menschen, die durch Unfälle oder Ähnliches jahrelang isoliert von der Gesellschaft in Wäldern gelebt haben, oft weisen diese ähnliche Verhaltensmuster auf wie die im Film dargestellten Kinder. Sie scheuen menschliche Kontakte, verkriechen sich aus Angst unter Betten und auch ihre ganze Physiognomie und Verhaltensart ähnelt der der Tiere. Als Zuschauer teilt man die psychologische Sensationsgier des Psychologen Dr Dreyfuss und man möchte mehr erfahren. Was als tragische Dokumentation über vernachlässigte Kinder funktioniert hätte, wird durch den Horrorfilmaspekt ins Grotteskte gedreht. Der Schrecken und Kampf, den diese Kinder jahrelang auf sich allein gestellt erleben mussten, reicht anscheinend für den hartgesottenen Filmkonsumenten nicht mehr aus, so denkt anscheinend der Regisseur, es muss noch eine körperlose Mutterfigur erscheinen. Denn, je mehr die Kinder sich öffnen, desto deutlicher wird: es gibt „Mama“ eine Entität, die über die Kinder wacht und….ja was eigentlich?

Und ab diesem Zeitpunkt kippt die Geschichte. Der psychologische Ansatz Dr Dreyfuss‘, bei Mama könne es sich um die gespaltene Persönlichkeit der 9-Jährigen Victoria handeln, die diese in ihrer vollkommenen Isolation als Elternersatz geschaffen hat, um sich und ihre Schwester zu schützen und emotional zu entlasten, klingt nicht nur plausibel, es hat auch einen großartigen Dr Jekyll und Mr Hyde – Ansatz, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der verselbstständigte Überlebensimpuls des Menschen, lösgelöst und personifiziert in einer omnipotenten Übermutter, die all jene bestraft, die die verlassenen Mädchen verletzen wollen. Leider kramt Muschietti nicht in diesen psychoanalytischen Abgründen, sondern erfindet eine unplausible und lückenreiche Background Story um eine entflohene Geisteskranke aus dem 18. Jahrhundert, die, weil ihr damals das Baby entrissen wurde und sie sich in den Tot stürzte, nun als Geist umherirrt und auf der Suche nach Gerechtigkeit ist. Was sie will, ist nicht besonders klar, warum sie gerade an den beiden Mädchen klammert, auch nicht. So bald Victoria und Lily bei ihrem Onkel und seiner Rockerbrautfreundin Annabelle einziehen, bedient sich der Film einem Horrorfilmklischee nach dem anderen. Natürlich ist Horror immer zu großen Teilen Einstellungssache und wer sich bei „Mama“ auf den Horror einlässt, der erfährt viele Schreckmomente in dunklen Schränken, unbeleuchteten Zimmern und unter Betten. Leider ist die Geschichte des Films so unlogisch, dass der Zuschauer ich eher wundert als einen kohärenten Grusel zu erfahren. Warum lässt Mama nicht von den Kindern ab, als diese in Sicherheit sind und ihre Gerechtigkeit gefunden haben, warum tötet sie alle, die ihr zu nah kommen? Warum gibt es die Mottenmatschverbindung zur Waldhütte, warum klettert Lily jede Nacht aus dem Fenster um Mama zu sehen, wenn sie doch durch die Verbindung in der Wand zu ihnen kommt? was will Mama und wozu braucht sie die Kinder, wenn es um ihr eigenes verlorenes Kind geht? warum ist Tanta Joan dann von Mama besessen und in der Hütte? Warum zeigt Mama Lucas den Traum, in dem Jeff ihn aufruft zur Hütte zu gehen, wenn sie ihn vorher versucht hat zu töten? Warum sagt Annabelle den Kindern sie sollen endlich zu Bett gehen, obwohl durch das Fenster Sonne in das Zimmer strahlt? Warum sucht Jeffrey die Mädchen fünf Jahre lang nur in dem kleinen Wald und denkt nicht daran, dass sein Bruder sich vielleicht in ein anderes Land abgesetzt hat? Warum tötet Jeffrey seine Frau? Warum freundet sich Victoria mit Annabelle an und nicht Lily? Warum sind die Mädchen nicht 24-Stunden in psychologischer Betreuung, die versucht ihre Traumata zu verarbeiten? Warum steckt man die Kinder zu zwei partyanimals, die keine Erfahrung mit Kindern haben, geschweigedenn die richtige Ausbildung, um sich mit so schweren Fällen angemessen zu befassen? Warum versucht man sie nicht mit anderen Kindern zu sozialisieren und heilen? Oder wenigstens mal mit ihnen raus zu gehen?

Leider werden die Ungereimtheiten im Plot nicht durch eine exzellente Cinematographie ausgeglichen. Im Gegenteil. Die so genannten Special Effects sind eine Lachnummer und eine Beleidigung für den modernen Kinozuschauer. Ein Medium, welches es schafft, ganze Heere von Elfen und Uruk Hai zu erschaffen, Avatare durch Phantasiewelten sausen lässt und das 3D-Kino ermöglicht, dann in so einer hinterweltlerischen Art und Weise einzusetzen, grenzt schon an Körperverletzung. Mama sieht aus wie eine Sarah Jessica Parker mit zu viel Wischfinger und hätte in SciFi-Filmen der 1960er funktioniert, aber nicht im Jahre 2013.

Das Ende erscheint einfach nur hingeklatscht. Anstatt die ganzen Plot-Stränge zu verbinden und aufzulösen, negiert der Schluss nicht nur sämtliche Background Stories und Motivationen jeglicher Personen, sondern verendet in einem Sumpf von Kopfschütteln und Unglauben. Die Hälfte der Charaktere stirbt ohne ersichtlichen Grund, Mama findet zwar ihr eigenes Glück, zerreißt aber im gleichen Moment das der Kinder für immer und auch der EInsatz von Special Effects erreicht nochmal einen Tiefpunkt.

Einzig und allein die großartige Performance der Kinderschauspieler ist positiv hervorzustellen. Auf hohem Niveau gelingt ihnen die Darstellung traumatisierter Kinder und in ihre gesamte schauspielerische Leistung übertrifft jene ihrer erwachsenen Kollegen bei Weitem. Auch finde ich die Szene in der Hütte, die Dr Dreyfuss‘ Tot zuvorkommt grandios.

„Mama“ ist ein Film, der trotz interessanter Geschichte und viel Potenzial in einem Kuddelmuddel von Geschichte und Ideenlosigkeit versackt. Trotz vieler erfolgreicher Schreckmomente stolpert der Zuschauer durchweg über Plot Holes, Ungereimtheiten und schreckliche Special Effects, die zu traurig sind, um sich noch darüber lustig zu machen. Del Toro damit nur in Verbindung zu bringen erscheint mir mit Hinblick auf seine eigene Karriere eher unklug. Der Film ist durchschnitt – nichts, was wir nicht alle schon hundert Mal gesehen haben. Bei Del Torros Siegel auf dem Filmplakat hätte ich mir mehr psychologische Tiefe erhofft

Wertung: ✭✭✭✰✰

1 Comment

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